Mensch, Hund!

Mensch, Hund!

Titelgeschichte Focus Magazin

Es gibt mehr Hunde als Vorschulkinder in Deutschland. Für viele Menschen ist er als Familienmitglied wichtiger denn je. Zwei Milliarden Euro geben wir jährlich allein für sein Futter aus. Mensch und Hund gehören zusammen. Was ist das Geheimnis dieser innigen Freundschaft ?

Im Grunde ihres Herzens ist Odette ein Straßenköter. Auch wenn ihr feiner französischer Name etwas anderes verheißt: Sie frisst gern halb vergammelten Fisch aus der Gosse, liefert sich Keilereien und schätzt ein ordentliches Matschbad. Als ich die herrenlose Einäugige vor zwei Jahren adoptierte, war mir völlig klar: Die ist ein richtiger Hund und wird auch so behandelt. Nix mit Bett, Sofa und Leberwurstkeksen. Nie und nimmer werde ich ein lederbezogenes Hundebett für 300 Euro kaufen oder Sportkurse buchen, wo ich mit Welpenmamis über sanfte Erziehung diskutiere. Überhaupt würde ich nicht so ein Tamtam um das Tier machen. Nun ja. Das war die Theorie. Die Praxis zwei Jahre später sieht anders aus. Ja, ich habe Odette schon teure Kekse gekauft. Ja, ich habe Hundesportkurse gebucht.

Ja, das Biest hat mittlerweile mindestens drei Schlafplätze, verteilt über die Wohnung. Und ich mache ein Mords-Tamtam um sie. Zum Beispiel vor dem Urlaub. Meistens suche ich mir Ziele aus, zu denen sie mitkommen kann. Weil ich zu wenige Menschen kenne, bei denen sie ausreichend Aufmerksamkeit für ihre ganz besonderen Bedürfnisse bekäme. Das Erstaunliche: Ich muss mich dafür nicht mal schämen. Ich bin ein durchschnittlicher deutscher Hundebesitzer und lebe in guter Gesellschaft. Denn ich wohne in der Hunde(s)republik Deutschland. Meine eigene Hundevernarrtheit verblasst angesichts der Aktivitäten und Fressgewohnheiten von Odettes Spielplatzgenossen. „Unsere Luna geht jetzt zur Wassergymnastik“, höre ich von ihren Besitzern. Oder: „Spike bekommt nur noch rohes Fleisch vom Metzger.“ Irgendetwas machen Hunde richtig und Kinder falsch. Die Geburtenrate bleibt seit dem Pillenknick niedrig, während die Zahl der Tiere stetig steigt.

In den 40 Millionen deutschen Haushalten leben etwa sechs Millionen Hunde – deutlich mehr als Kinder im Vorschulalter. Und der Aufstieg des Hundes vom Nutztier zum Familienmitglied erreicht hierzulande gerade eine neue Stufe. Canis familiaris, so die korrekte zoologische Bezeichnung, ist zu einem gigantischen Wirtschaftsfaktor geworden. Die Einwohner der Bundesrepublik geben jährlich mindestens zwei Milliarden Euro allein für Futter aus – mehr als für Babynahrung und -pflegeartikel. Die Umsätze der Züchter (rund 380 Millionen Euro) und Tierärzte (700 Millionen Euro) gehören eher noch zu den kleineren Posten. Ausgaben, die mit Hundehaltung zusammenhängen, machen mittlerweile 0,22 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus und sichern mehr als 100 000 Arbeitsplätze. „Die Branche wächst unglaublich. Wir gehen davon aus, dass in den nächsten Jahren die Umsätze stark steigen werden“, sagt Renate Ohr. Die Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Göttingen untersucht gerade die Ökonomie der Hundehaltung in Deutschland.

In einer älteren Studie von 2006 konnte Ohr fast fünf Milliarden Euro Umsätze belegen. Doch gerade in den vergangenen Jahren sind zahlreiche neue Geschäftsfelder rund um den Vierbeiner entstanden – zum Beispiel Hundehotels, Hundeschulen oder Physiotherapie. Deren Erlös ist noch gar nicht in die Rechnung eingeflossen. Neulich besuchten Odette und ich das Münchner Hotel „Canis Resort“: holzvertäfelte Fassade, ein Spa, riesiger Garten. Schlafplätze für Menschen gibt es dort nicht. Im „Canis Resort“ nächtigen ausschließlich Hunde, deren Besitzer auf Reisen sind. Für 80 Euro pro Tag bringt Hotelmanagerin Friederike Brych die Vierbeiner in „Wohnlounges“ mit Luxusbett aus eigener Kollektion unter. Die Unterkünfte für zwei bis vier Tiere sind mit Epoxidharz ausgekleidet, einem Material aus dem Jachtbau. Zum Service gehören Biofutter und der tägliche Deckenwechsel. Professionelle Sitter gehen mit den Hunden Gassi und schmusen bei Bedarf mit ihnen. „Auf Wunsch bekochen wir die Gäste auch mit dem Futter, das sie gewohnt sind“, sagt Brych. Ebenfalls im Angebot: Massagen, Aromatherapie und Fellpflege. Das kostet allerdings extra.

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