Alleskönner

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Süddeutsche Zeitung

Sie sind glibberig, grün, riechen streng und zugleich der Rohstoff der Zukunft: Aus Algen lässt sich Biosprit gewinnen, Öko-Plastik erzeugen und eines Tages vielleicht Medikamente. Sogar essen kann man sie.

Wenn Algen Stress bekommen, stinken sie. „Immer wennesnachKomposthaufen riecht, machen wir es richtig“, freut sich Daniel Garbe, technischer Leiter des Algentechnikums Ottobrunn. Neugierig lugt er in das Kunststoffbecken, in der träge eine gelblich- grüne Suppe umherschwappt. Wenn die Forscher den Grünalgen nach einigen Wochen Wachstum die Nahrung kürzen, änderndie eigentlich grasgrünenWasserlebewesen Farbe und Geruch. Sie werden gelbundriechen nichtmehrnachfrisch geernteten Erbsen, sondern eben nach reifem Kompost. In diesem hungrigen Zustand sind sie für dieBiochemiker erst richtig interessant: Gestresste Algen bilden als Reserve für harte Zeiten dickeÖltropfen in ihren Zellen. Und auf das Öl haben es die Forscher abgesehen. Es ist der Grundstoff, ausdemspäter Biokerosin entsteht. „Grünalgen sind der ideale Rohstoff für einen nachhaltigenundregenerativenFlugzeug- Treibstoff“, sagt Garbe. Ihre außergewöhnlichen Eigenschaften machen Algen zum idealen Rohstoff. Sie wachsen zehnmal schneller als Landpflanzen, produzieren Proteine, Kohlenhydrate und 30-mal mehr Fett als zum Beispiel Raps. Sie sind extremgenügsamundgedeihen sogar in Brack- und Salzwasser.Hinzu kommtihreFähigkeit,Kohlendioxidzu verwerten. Sie könnten künftig den CO2-Ausstoß ganzer Industrien verringern. Kaum eine anderebiologische Rohstoffquelle bietet so viele Einsatzmöglichkeiten: Neben Biokraftstoffen bilden Algen die GrundmassefürBaustoffe, Kosmetik,Nahrungsmittel, Medizinprodukteundsogar für Antibiotika. Darüber hinaus sind sie aussichtsreiche Kandidaten, um das Plastikproblem derWelt zu lösen. Bislang ist es für viele Einsatzbereiche jedoch noch nicht möglich, ausreichend großeMengenAlgen zu rentablenKonditionen zu züchten. Das Algentechnikum der TU München ist ein Forschungsprojekt, das dies vor allem für die Herstellung von Algenkerosin ändern soll. Die Chemiker und Biotechnologen des Fachgebiets „Industrielle Biokatalyse“ haben überall auf derWelt nach der richtigen Mikroalge gesucht, die sich für eine industrielle Zucht eignen würde – und haben sie in Australien gefunden. „Im Südosten Australiens lebt eine robuste Mikro-Grünalgenart in extrem salzhaltigen Wüstenseen. Sie braucht wenig Pflege und für ihre AufzuchtmusskeinwertvollesSüßwasser verschwendet werden“, berichtet Garbe.

  • Bis zu 400000 Algenarten existieren auf der Welt, noch nicht einmal 20 Prozent sind erfasst**

Algen lassen sich grob in zwei Gruppen teilen: In mikroskopisch kleine Mikroalgen und in mit dem bloßen Auge sichtbare Makroalgenwie etwa Seetang. Die australische Mikroalge ist einzeln nicht zu erkennen. Aber in den Becken des Algentechnikums färbt sie – im Wachstumsstadium vor ihrer Hungerkur – das Wasser leuchtend grün. Bevor die Forscher sie nach Deutschland holten, war sie hier noch nicht einmal bekannt, wie übrigens die allermeisten Algen. Bis zu 400000 Arten existieren weltweit, noch nicht einmal 20 Prozent davon sind erfasst. Um nun den idealen Aufzuchtort für die australische Grünalge zu finden, betreibt die TU München gemeinsam mit der Firma Airbus zwei riesige High-Tech-Gewächshäuser nahe München, die jedes erdenkliche Klima künstlich erzeugen können. Derzeit simulieren die Forscher in Ottobrunn das Klima der spanischen Küstenstadt Almería, umzu testen, ob dort genügend Grünalgen billig gedeihen könnten. „Die Algenzucht soll auf keinen Fall der Produktion von Lebensmitteln Konkurrenz machen, wie das heute bei deutschem Mais und Raps für Biokraftstoff der Fall ist“, sagtGarbe. Deshalbhaben sich die Forscher trockene Orte mit subtropischem Klima ausgesucht, wo ohnehin keine Landwirtschaft möglich ist. In diesen wüstenartigen Gegenden sollen die Algen in Zukunft in offenen Bioreaktoren gedeihen, in denen Pumpen das Wasser stetig umwälzen. Für die australische Alge muss das Wasser extrem salzig sein. Um eine gute Konzentration zu mischen, seien mehrere Salze getestet worden. „Mit bayerischem Brezn-Salz wachsen sie eindeutig am besten“, sagt der Biochemiker. Im Meer selbst wollen die Forscher nicht züchten. „Die Gefahr für ein Leck wäre zu groß. Es könnten Algenarten ins Meer gelangen, die dort große Umweltschäden verursachen”, sagte Garbe.

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