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Titelgeschichte Focus Magazin

Forscher helfen unserer Intelligenz auf die Sprünge: Strom, Gedächtnistraining und Pillen können das Denken ankurbeln und unser Gehirn leistungsfähiger machen

Schmerzhafte Kindheitserinnerungen waren es, die Dan Hurley zu seinem einmaligen Selbstversuch bewegten. Der Amerikaner konnte in der dritten Klasse noch nicht lesen, seine Lehrer stempelten ihn als „langsam“ ab. Obwohl er später zu den Besten seiner Klasse gehörte, nagte die bittere Erfahrung an ihm: „Das Rätsel, was Intelligenz ist und wie sie beeinfl usst werden kann, hat mich seitdem beschäftigt“, erzählt der amerikanische Wissenschaftsjournalist. Ist uns Intelligenz in die Wiege gelegt oder im Lauf des Lebens veränderbar? Lässt sie sich wie ein Muskel trainieren? Dies beschloss der 56-Jährige, jetzt am eigenen Leib zu testen. Drei Monate lang quälte Hurley sich mit einem rigorosen Trainingsprogramm für seine grauen Zellen und probierte alles aus, was Forschern derzeit als förderlich für das Denken gilt. Er verbrachte Stunden am Computer mit interaktiven Kognitionsübungen, strampelte sich im Sportclub ab, lernte Laute spielen. Auch vor brachialen Methoden schreckte Hurley nicht zurück: Er ließ sein Gehirn sogar unter Strom setzen. Außerdem achtete er auf ausreichenden Kaffeegenuss und peppte sein Denkorgan – gegen den entschiedenen Rat seiner Ärzte – mit Nikotin auf. Hurleys Leiden haben sich ausgezahlt: Tatsächlich leistet sein Gedächtnis seit dem Versuch um 16 Prozent mehr, sogar sein Intelligenzquotient ist gestiegen. „Ich fühle mich geistig sehr viel fi tter als vor dem Experiment“, betont er.

Seine Erfahrungen als Versuchskaninchen schildert er in einem Buch (siehe Seite 84). Ein Superhirn per Knopfdruck ist der Traum vieler Menschen. Ganz so einfach funktioniert es leider nicht. Dennoch: Das, was Hurley drei Monate lang sehr ausdauernd betrieben hat, kann im Grunde jeder. Vor einigen Tagen bestätigte die Neuroforscherin Susanne Jaeggi durch eine Analyse von mehr als 20 Studien eine Erkenntnis, mit der sie das Wissen über unser Gehirn revidiert hatte: Intelligenz ist auch im Erwachsenenalter wandelbar. Jaeggis Forscherteam hatte 2008 bei einem Experiment entdeckt, dass gesunde Erwachsene, die 19 Tage lang anspruchsvolle Denkaufgaben lösen, anschließend mehr bei bestimmten Intelligenztests leisten als eine Kontrollgruppe. Zuvor hatten die Experten lange an dem Dogma „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ festgehalten. Die Schweizer Neuropsychologin, die derzeit an der Universität von Kalifornien forscht, rüttelte den Glauben an die althergebrachte These gründlich auf, dass Intelligenz – ähnlich wie Körpergröße – angeboren und durch Umweltfaktoren wenig beeinfl ussbar sei. Sie fand heraus: Die Schraube im Kopf, an der sich mit Training drehen lässt, nennt sich Arbeitsgedächtnis.

Dieser Teil des Gedächtnisses befähigt uns, Informationen kurzzeitig zu behalten und zu verarbeiten. „Egal, ob wir eine zuvor gehörte Zahlenfolge rückwärts wiederholen, uns eine Telefonnummer merken oder einfach nur ‚Mensch ärgere Dich nicht‘ spielen, für alles brauchen wir das Arbeitsgedächtnis“, erklärt Jaeggi. Dabei ist es von Vorteil, wenn dieses möglichst schnell möglichst viele Dinge auf einmal speichern kann. Physiker, Mathematiker und Menschen mit einem besonders hohen IQ besitzen fast zwangsläufi g ein schnelles Arbeitsgedächtnis. „Wer sein Arbeitsgedächtnis trainiert, trainiert die fl uide Intelligenz. Diese ist zwar, wie früher angenommen, genetisch vorherbestimmt, jedoch nur zu etwa 40 Prozent.“ Fluide Intelligenz lässt uns Probleme lösen, konzentrierter lernen und logisch denken, während die sogenannte kristalline Intelligenz erworbenes Wissen und Fähigkeiten umfasst – Vokabelwissen etwa oder Fahrradfahren. Ohne fl uide Intelligenz wären wir in allen Alltags- und Arbeitssituationen hilfl os. Menschen, bei denen sie besonders ausgeprägt ist, können mitunter hochbezahlte Jobs ergattern. So wie Judith Roosz.

Die 27-jährige ist Fluglotsin – ein Beruf, bei dem Bruttogehälter für Berufsanfänger von 5000 bis 8000 Euro normal sind. Mehrere Tage lang werden Bewerber in medizinischen, psychologischen und kognitiven Tests geprüft. Neben guter Konzentrationsfähigkeit braucht Roosz vor allem eines: ein schnelles Arbeitsgedächtnis, das wiederum Kennzeichen für eine gute fluide Intelligenz ist. Beim Einstellungstest musste sie über eine Stunde lang konzentriert Lämpchen beobachten und gleichzeitig akustischen Informationen lauschen. Leuchtet eine bestimmte Kombination von Lämpchen oder ertönen Ansagen in einer festgelegten Reihenfolge, sollte sie verschiedene Knöpfe drücken.

So ähnlich trainiert Neuroforscherin Jaeggi ihre Probanden. Dem Aufnahmetest der Fluglotsen ähnlich, setzt sie Testpersonen einer Abfolge von Wörtern und Geräuschen gleichzeitig aus. Sie sollen eine Taste drücken, wenn eines der Signale vorher schon einmal vorkam. Nach ein paar Wochen täglichem Training haben die meisten Probanden die Anzahl der Signale, die sie sich merken können, vervielfacht.

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