Mal verzehren, mal verehren

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Focus Magazin

Wie umgehen mit Schwein und Katze? Der Tierethiker Herwig Grimm über Käfighaltung, Veganismus und tödliche Hundebisse

Über die Wiesen von Gut Aiderbichl bei Salzburg streunen alte Pferde, Rinder und Ziegen. Hinter einem Gatter picken ehemalige Legehennen nach Körnern. Auf dem Gnadenhof müssen die Tiere niemandem mehr nützen und dürfen so lange leben, wie es eben geht. Aiderbichl ist ein paradiesisch wirkender Gegenentwurf zur Massentierhaltung. Hier haben wir uns mit Herwig Grimm, einem der einflussreichsten Tierethiker in Europa, zum Interview verabredet.

bq. 90 Prozent der Deutschen wären bereit, beim Einkauf mehr Geld fürs Tierwohl auszugeben. Warum ändern sich die Bedingungen in den Ställen und Käfigen nicht?

Die Bauern schieben den Konsumenten den Schwarzen Peter zu, dass sie das Tierwohl nicht bezahlen, die Konsumenten schieben den Schwarzen Peter zurück und halten die Landwirte für geldgierige Tierquäler. Das hilft nicht weiter, schließlich tragen wir alle als mündige Bürger Verantwortung für die Gestaltung der Gesellschaft. Bei diesem Hickhack haben vor allem die Tiere das Nachsehen. Man muss dabei bedenken, dass Großhändler bestimmen, was in den Regalen im Supermarkt liegt. Doch die NGOs kritisieren vor allem die Landwirte. Der Effekt ist: Es geht kaum etwas voran.

Was könnte da getan werden?

Wir fühlen uns ohnmächtig, was unsere bürgerliche Verantwortung angeht. Man steht im Supermarkt und denkt: „Ob ich jetzt das Biofleisch kaufe oder das Hähnchen für 1,99 macht am Ende doch keinen Unterschied.“ Eine Idee wäre, bestimmte Formen der Tierhaltung ganz direkt an das Kaufverhalten zu knüpfen. Beispiel: Ich möchte ein Schnitzel von einem Schwein kaufen, das nicht unter Schmerzen, sondern unter Schmerzausschaltung kastriert wurde. Per Smartphone und QR-Code könnte man mit einem Klick 50 Cent mehr bezahlen, die dann direkt in einen Pool für die Veterinäre gehen, die Kastrationen mit Schmerzausschaltung vornehmen.

bq. Tierrechtler halten Ihnen eine „Käfig-Ethik“ vor, weil Sie nicht das Ende der Nutztierhaltung fordern. Die Idee der Abschaffung jeglicher Tierhaltung halte ich für kurzsichtig. Wollen wir das wirklich, und stimmt es, dass wir dann unsere Hände in Unschuld waschen würden?

Ich denke, hier haben die Theologen einen Punkt. Das Bild der Vertreibung aus dem Garten Eden macht ihn deutlich: Um zu leben, müssen wir uns die Welt aneignen. Das kann mit mehr Gewalt oder mit weniger Gewalt passieren. Niemals aber ohne.

Vollständigen Artikel herunterladen: Tierethik

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